...ODER: Der Duft des Wahnsinns
Es begann gegen 18 Uhr. Erst war es nur eine Ahnung – ein Hauch von frisch gebackenem Hefeteig, der sich unbemerkt in den Flur schlich. Doch dann drehte meine Nachbarin offensichtlich auf. Eine Wolke aus karamellisiertem Zucker, vermischt mit der schweren, herzhaften Note von langsam schmorenden Zwiebeln, drang durch die Ritzen der alten Wohnungstür, als würde sie direkt in meinem Wohnzimmer serviert.
Ich saß auf dem Sofa und starrte auf die weiße Kunststofffront meines Kühlschranks. Er flackerte schwach, als ich ihn öffnete – eine endlose, weiße Leere. Nur ein einsames Glas mit sauren Gurken, das seit dem letzten Sommer dort sein Dasein fristete, starrte mir entgegen. Mein Magen vollführte eine gymnastische Übung, ein forderndes Grollen, das den Frieden meines Wohnzimmers störte.
Da kriegt man doch gleich Hunger. Der Geruch war keine bloße Information, er war eine Provokation. Sollte ich dem Hunger nachgeben und den Pizzadienst quälen, oder war ich bereits kurz davor, einfach durchzudrehen und bei der Nachbarin zu klingeln, nur um an einem Stück Brot zu schnuppern? Die Grenze zwischen zivilisiertem Magenknurren und dem instinktiven Drang, die Wand einzureißen, schien mit jeder Sekunde, in der es nach frisch gebratenem Rosmarinkartoffeln duftete, dünner zu werden.
Hätte ich hier bereits geahnt, dass es sich um eine Form des Stress Cooking gehandelt hat, wäre ich gemütlich hocken geblieben und hätte gelacht und die Küchenkochschlacht als Duft des Wahnsinns abgehakt.
Aber es kam anders.
Ich stand vor der Tür meiner Nachbarin, klingelte Sturm um ihr persönlich den Mund abzuwischen.
Frau Meer, die normalerweise so unauffällig war wie eine graue Tapete,.öffnete die Tür. Ich hatte den Plan gefasst, demütig um eine Scheibe Brot zu bitten, doch als ich die Hand zur Türklingel hob, flog die Tür mit einem Schwung auf, der mich fast nach hinten überkippte.
Frau Meer stand da, eine Kochschürze über dem seidenen Morgenmantel, das Gesicht mit Mehl bestäubt, in der Hand einen riesigen, dampfenden Kochlöffel. Ihre Augen leuchteten nicht vor Freude, sondern vor purem, fast manischem Zorn.
„Sie!“, rief sie, als hätte sie nur auf mein Erscheinen gewartet. „Endlich! Das ist ja nicht mehr auszuhalten!“
Ich stammelte: „Äh, ich wollte nur fragen, ob Sie vielleicht ein…“
„Wissen Sie eigentlich“, unterbrach sie mich und fuchtelte mit dem Löffel gefährlich nah an meiner Nasenspitze vorbei, „wie schwer es ist, ein Soufflé zu backen, wenn man sich ständig beobachtet fühlt? Dieser Duft, der durch die Ritzen dringt – das ist keine Einladung, das ist eine Belastung! Mein Soufflé ist beim ersten Versuch kollabiert, weil ich das Gefühl hatte, dass jemand von der anderen Seite der Wand hungrig zuschaut. Haben Sie eine Ahnung, was das für einen psychischen Druck ausübt?“
Sie trat einen Schritt zurück und deutete auf eine ganze Armee von Blechen, die in ihrer Küche aufgereiht waren: Zimtschnecken, Quiches, Aufläufe – eine ganze kulinarische Katastrophe.
„Ich koche, um mich abzureagieren! Mein Mann hat mich mit dem Hund verlassen, und jetzt backe ich gegen den Stress an! Aber ich kann das nicht alles essen! Ich bin seit drei Stunden dabei, und Sie sind der Einzige im Haus, der mich nicht mit ‚Können Sie auch mal leise sein?‘ belästigt hat, sondern mit diesem… diesem intensiven, hungrigen Schweigen.“
Sie stieß mir den dampfenden Kochlöffel in die Hand.
„Hier!“, befahl sie. „Nehmen Sie die Quiche. Aber wehe, Sie genießen sie in Ruhe. Ich will, dass Sie sie mit einem schlechten Gewissen essen, weil Sie mich beim Backen so wahnsinnig gemacht haben!“
Sie knallte die Tür zu, und ich stand im dunklen Flur, eine noch warme, perfekt duftende Quiche in den Händen. Mein Magen gab ein triumphierendes Geräusch von sich, das durch das ganze Treppenhaus hallte. Irgendwie war ich mir nicht sicher, ob ich gerade gewonnen oder verloren hatte, aber der Duft von Speck und Lauch, der nun an meinen Fingern klebte, war mir in diesem Moment alles wert.
Scheisse. Ein Knall von oben beendete die Situation. Ich rief die Feuerwehr, zog mich um und stapfte wütend nach draußen. Das Haus stand in Flammen.
ENDE DER STORY
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