Donnerstag, 13. August 2026

Eine unwahre Geschichte

fuer Annas

Wirklich crazy: Als ich jung war – noch lange nicht geschieden und voller Hoffnung, dass man einen Haushalt tatsächlich im Griff haben kann – trennte ich einfach alles.
Den Müll. Die Klamotten für die Waschmaschine. Socken nach Paaren. Und sogar die Stofftiere meiner Tochter sortierte ich farblich auf dem Sofa: Die dunklen nach links, die bunten saßen rechts. Die armen Kuscheltiere hatten mehr Ordnung im Leben als ich.
Ich war überzeugt: Ordnung ist das halbe Leben.

Heute weiß ich: Das andere halbe Leben besteht darin, verzweifelt Dinge wiederzufinden, die man selbst „ordentlich“ irgendwo hingelegt hat.

Besonders stolz war ich auf meine Mülltrennung. Ich hatte für alles ein System. Papier hier, Plastik da, Restmüll dort. Ich hätte wahrscheinlich sogar die Staubflusen nach ihrer Persönlichkeit sortiert, wenn es dafür eine Tonne gegeben hätte.

Und dann kamen die PET-Flaschen.

Ich sammelte sie brav ein, betrachtete jede einzelne mit dem prüfenden Blick einer Frau, die offenbar eine Doktorarbeit über Abfallwirtschaft schreiben wollte, und warf sie schließlich in die Tonne.

Eines Tages stand mein Nachbar neben mir und sah mir dabei zu.
„Die gehören doch dem Supermarkt“, sagte er.

Ich sah ihn an.
„Wie bitte?“

„Die Flaschen. Wegen Pfand. Die gehören doch zurück zum Supermarkt.“

Ich blickte in die Tonne.
Dann zu ihm.
Dann wieder in die Tonne.

In meinem Kopf liefen sämtliche bisher getrennten Lebensbereiche gleichzeitig zusammen.
Ich hätte ihm für diesen Satz wirklich gern eine Faust ins Gesicht geschlagen.
Nicht, weil er Unrecht hatte.
Sondern weil er es in diesem Ton sagte.
So sachlich.
So freundlich.
So, als hätte er mir gerade erklärt, dass Wasser nass ist.

„Ach so“, sagte ich schließlich und lächelte.
Dieses Lächeln, bei dem man besser drei Meter Abstand hält.

Seit diesem Tag stehen die PET-Flaschen bei mir nicht mehr einfach irgendwo herum. Nein. Sie haben einen eigenen Platz. Eine eigene Würde. Einen Auftrag.
Sie warten geduldig darauf, dass ich sie zum Supermarkt zurückbringe.

Und manchmal denke ich: Vielleicht war ich damals gar nicht ordentlich.
Vielleicht war ich einfach nur eine Frau, die dringend ein Hobby brauchte.