Dragan war fast hundert und noch ziemlich fit. „Fast hundert" bedeutete: siebzehn Kniebeugen täglich, drei davon unfreiwillig. Er wohnte in Bad Homburg im dritten Stock, und an diesem Dienstagmorgen schaute er auf sein Bad, seinen Fernseher, seine Hortensie auf dem Balkon und dachte: Nein.
Also klemmte er sein zweites Gebiss zwischen die Zähne, öffnete das Fenster und schwang ein Bein über die Fensterbank.
Verschwinden. Nie wieder mit dem Content hinter dem Fenster zu tun haben.
„Den linken Fuß auf die Regenrinne, du Trottel!", rief eine Stimme.
Unter ihm, am Fenster des zweiten Stocks, hing eine Dame im blauen Morgenmantel, eine alte Wäscheleine in der Hand.
„Tilly?", fragte Dragan.
„Dragan?", fragte Tilly.
Das letzte Mal hatten sie sich 1948 gesehen, auf einem Tanzabend in einem Saal, der heute eine Backfiliale mit Kaffeeautomaten ist. Damals hatte er ihr geschworen, er würde eines Tages eine mathematische Weltformel aufstellen, die alles erklärt. Dann war er Steuerbeamter geworden, und sie war Schuldirektorin, und das Leben, wie Leben so leben, hatte gelebt.
„Du kletterst auch raus?", fragte er.
„Ich habe beschlossen, dass mein Fenster mich nicht mehr repräsentiert. Ich bin keine Gardine, Dragan. Ich bin ein Ereignis."
„Du bist immer noch ein Ereignis."
„Schmeichler. Komm runter, wir haben Arbeit."
Sie ließen sich im Kurbad nieder, bei Kuchen und Filterkaffee, und stellten die Weltformel auf. Es dauerte drei Stunden, zwei Bleistifte und eine Serviette.
Die Formel lautete:
W = (j² · L) / (A + B) + Z
Dabei war j die共同的 Jahre... nein, halt, deutsch:
- j = gemeinsame Jugendstunden (zwei Tanzabende, ein gestohlener Kuss hinter dem Fahrradschuppen)
- L = Lebensfreude, gemessen in Kniebeugen pro Tag
- A = Alter (irrelevant, da im Nenner)
- B = Bürokratieerfahrung (kann geradezu kürzen)
- Z = Zukunft, die man noch vorhat
„Das ist Unsinn", sagte Tilly.
„Das ist Mathematik", sagte Dragan. „Weltformeln sind am Ende immer beides."
Sie beschlossen, die Formel zu testen, kauften zwei Zugtickets nach Triest, und weil beide keine Handys mehr hatten und auch vorher nie wollten, blieben sie diesmal einfach weg.
Die Bad Homburger Polizei suchte zwei Wochen nach den Vermissten, fand aber nur einen Zettel an Dragans Fenster:
„Bin im Paradies. Formel ist im Anhang. Diese Seite leer lassen — es wird noch gebraucht."
Dabei war die Seite nicht leer. Darauf stand, ganz klein: W = 2.
Und wer in Bad Homburg nachrechnet, weiß: Zwei Kniebeugen pro Tag, zwei alte Menschen, zwei Tanzabende — und einmal ein ganzer Rest der Welt.
CU
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