Donnerstag, 13. August 2026

Waiting of Gordot-Erkenntnis

Die Sehnsucht hatte an diesem Abend einen Raum bekommen.
Wir saßen in einer kleinen Box, dicht nebeneinander, als wären wir nicht Zuschauer, sondern Gefangene. Niemand sagte etwas. Vor uns war keine Bühne, jedenfalls keine, die man hätte verlassen können.

Dann krachte die erste Wand.
Ein dumpfer Knall, so plötzlich, dass einige zusammenzuckten. Staub fiel von oben. Irgendwo lachte jemand nervös. Dann krachte es von der anderen Seite. Noch eine Wand. Noch ein Knall.
Und während um uns herum der Raum langsam zerfiel, lief immer derselbe Song von Udo Lindenberg

Immer wieder.

Als würde die Sehnsucht eine kaputte Schallplatte besitzen.
Ich dachte an dich. Nicht an dein Gesicht zuerst, sondern an deine Abwesenheit. An den Platz neben mir, der einmal dir gehört hatte. An all die Sätze, die wir uns hätten sagen können und stattdessen verschluckten. Vielleicht war Sehnsucht genau das: ein Raum, der immer kleiner wurde, obwohl man längst wusste, dass man hinauswollte.

Wieder ein Knall.

Die letzte Wand begann zu zittern.
Menschen rückten näher zusammen. Manche sahen zur Tür, andere zur Decke. Ich blieb sitzen und hörte dem Lied zu. Es war längst unmöglich zu sagen, ob es noch Musik war oder nur Erinnerung.

Dann stürzte eine weitere Wand ein.

Für einen Moment war da draußen.
Weite. Luft. Aber niemand stand auf. Vielleicht, weil wir zu lange darauf gewartet hatten, dass die Wände für uns verschwinden.
Vielleicht, weil wir inzwischen gelernt hatten, dass selbst ein offener Raum einsam sein kann..

Der Song begann wieder von vorn.
Und ich dachte, dass du irgendwo sein musstest, hinter einer Wand, die noch stand.

Also blieb ich sitzen. Und wartete auf den nächsten Knall.





aus: Sequenz aus einem Theaterabend(2015) vor dem grossen Umbau im Stadion 





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