„Große Waagen-Verschwörung“
Es begann mit einem Entschluss: Diesmal wird alles anders. Ich kaufte eine Waage, die nicht nur mein Gewicht anzeigte, sondern auch meine Seele wog – oder zumindest so fühlte es sich an. Jeder Morgen wurde zum Ritual: Ein tiefes Durchatmen, ein Schritt auf die Waage, ein Blick auf die Zahl, die sich beharrlich weigerte, auch nur ein Gramm nach unten zu rutschen. Vielleicht ist sie kaputt?, dachte ich und klopfte gegen das Display. Nein, sie funktionierte. Sie hasste mich einfach.
Also wurde der Plan radikalisiert: Salat ohne Dressing, Wasser statt Wein (traurig!), und Treppensteigen, als wäre ich im Training für den Mount Everest. Meine Mitbewohnerin beobachtete mich mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid. „Du isst jetzt Luft, oder?“ – „Nein, ich atme nur besonders kalorienbewusst.“
Die ersten Tage waren einfach. Motivation sprudelte wie ein überteuerter Protein-Shake. Doch dann kam der Moment, in dem ich im Supermarkt vor dem Regal mit dunkler Schokolade stand. 85 Prozent Kakao. Fast gesund. Eine Tüte landete im Einkaufskorb. „Das ist für die Moral“, rechtfertigte ich mich vor der imaginären Jury in meinem Kopf. Die Jury – bestehend aus meinem schlechten Gewissen und einem Bild von einem Sixpack, das ich mir als Handyhintergrund gesetzt hatte – schnaubte nur verächtlich.
Nach zwei Wochen stand ich wieder auf der Waage. Gleiches Gewicht. Ich hatte mich gequält, auf alles verzichtet, was das Leben lebenswert macht – und nichts. Nicht ein Gramm! Da kam die Erkenntnis wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Abnehmen ist wie Reality-TV. Alle schauen zu, wie du dich abmühst, schwitzt und leidest. Die Zuschauer (in meinem Fall: meine Mitbewohnerin, die Kollegin, die immer fragt: „Und, klappt’s?“) haben Spaß, essen Popcorn und nehmen dabei selbst zu. Und am Ende gewinnt doch nur der, der die beste Story hat – nicht der, der am meisten abnimmt.
Also beschloss ich, mein Leben wieder zu genießen. Die Waage wanderte in den Schrank, die Schokolade in meinen Mund, und ich in die Couch – mit einem Lächeln. Denn das einzige, was wirklich leichter wurde, war mein Gewissen. Und das wiegt ohnehin nichts.(lama)
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