Mittwoch, 22. Oktober 2025

Brot und Spiele

Die Stadt der Spiegel

In einer glänzenden Stadt, deren Häuser alle aus Glas gebaut waren, lebte das Bürgertum – Händler, Lehrer, Beamte, Doktoren und Ingenieure. Sie waren stolz darauf, dass sie die Stadt durch ihre Arbeit, ihren Fleiß und ihre Vernunft am Leben hielten. Jeder glaubte: „Wer sich anstrengt, bestimmt sein Schicksal.“

Doch eines Tages bemerkten sie, dass ihre Spiegelhäuser zu zittern begannen. Die Preise für Glas stiegen, die Straßenlaternen brannten nur noch halb so hell, und die Entscheidungen des Stadtrats fielen, ohne dass jemand verstand, wer sie eigentlich traf.

„Wir haben doch gewählt!“, rief Frau Bergmann, die Lehrerin. „Ja,“ antwortete der Bäcker, „aber die Stimmen zählen nur noch, wenn sie den Glaskönigen gefallen.“

Die „Glaskönige“ – das waren jene, die nie auf den Straßen zu sehen waren, aber deren Namen auf jedem Vertrag standen. Sie gehörten keine Werkstatt, kein Schulhaus, kein Laden – nur Anteile und Zahlen

Bald mussten die Bürger länger arbeiten, um das Glas für ihre Häuser bezahlen zu können. Manche gaben auf, andere hofften, dass es nur eine schlechte Phase sei. Der Ingenieur Krüger aber fragte eines Abends: „Wie kann es sein, dass wir alles tun – und doch nichts ändern können?“

Die Menschen zuckten mit den Schultern. „So ist eben die Zeit“, sagten sie. „Man kann ja doch nichts machen“, flüsterten sie.

Und damit war es entschieden: Die Ohnmacht war nicht von außen gekommen – sie war in ihre Herzen eingezogen.

Doch eines Morgens, als der Nebel schwer über der Stadt lag, beschlug das Glas der Häuser. Die Bürger sahen nicht mehr ihr eigenes Spiegelbild, sondern einander. Zum ersten Mal seit Langen.

Da sagte Frau Bergmann leise:
„Wenn wir uns wieder sehen können, vielleicht können wir uns auch wieder hören.“

Sie begannen, sich zu versammeln – auf Plätzen, in Werkstätten, in den Schulen. Sie erzählten sich, was jeder wusste, aber keiner allein verstehen konnte. Und langsam begriffen sie: Macht war nie etwas, das man hatte, sondern etwas, das man gemeinsam ausübt.

Die Glaskönige konnten nichts tun gegen Menschen, die aufhörten, sich selbst in Spiegeln zu betrachten und anfingen, in Gesichtern zu lesen. Das wollten sie die Glaskönige aber nicht bieten lassen. Und so verkauften sie fortan Fässer mit Wein und Bier auf den Straßen. Der Fusel kostete nicht viel, sodass sich ihn jeder Bürger leisten konnte. Das Geschäft florierte innerhalb weniger Monate. Die Menschen schienen zudem glücklicher, begannen sogar, sich nicht mehr soviel Fragen zu stellen. Sie feierten ausgelassen auf den Straßen anstatt zusammen zu debattieren. 


Fortsetzung folgt....




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