Märchenhaft

Das Harem von Sultan Samir

Im fernen Land stand ein prächtiger Palast mit goldenen Kuppeln, duftenden Gärten und einem Harem, der im ganzen Reich bekannt war. Allerdings nicht, weil dort besonders strenge Regeln herrschten – ganz im Gegenteil.

Der Harem von Sultan Samir war der lauteste Ort im ganzen Königreich.

Jeden Morgen hörte man schon vor dem Frühstück lautes Lachen aus den Gemächern der Damen. Die Bewohner der Stadt behaupteten sogar, man könne am Klang des Gelächters erkennen, ob gerade ein Witz über den Sultan, eine verlorene Haarnadel oder einen verbrannten Kuchen erzählt wurde.

Sultan Samir selbst war ein freundlicher Mann, aber er hatte ein großes Problem: Niemand im Palast nahm ihn ernst.

Eines Tages betrat er den Harem mit ernster Miene.

„Meine Damen, ich habe eine wichtige Nachricht“, sagte er.

Sofort verstummten alle.

„Heute werde ich eine königliche Ansprache halten.“

Die Damen sahen sich an.

„Eine Ansprache?“, fragte Layla, die für ihre Streiche bekannt war. „Wie lange soll sie dauern?“

„Etwa eine Stunde.“

Alle Damen stöhnten gleichzeitig.

„Dann brauchen wir vorher eine Stärkung“, sagte Amina und stellte eine riesige Schüssel mit Süßigkeiten auf den Tisch.

„Und danach eine Pause“, ergänzte Farah.

„Und währenddessen brauchen wir Unterhaltung“, fügte Noor hinzu.

Der Sultan runzelte die Stirn. „Aber ich wollte, dass ihr mir zuhört.“

„Natürlich, mein Sultan“, sagte Layla höflich. „Wir hören sehr aufmerksam zu. Wir lachen nur manchmal gleichzeitig.“

Während der Ansprache saßen die Damen tatsächlich brav da. Allerdings hatten sie heimlich kleine Zettel vorbereitet.

Auf dem ersten stand: „Der Sultan benutzt das Wort ‚wichtig‘ zu oft.“

Auf dem zweiten: „Der Sultan hat heute seine Krone falsch herum aufgesetzt.“

Auf dem dritten: „Der Sultan hält eine Rede über Ordnung, während sein eigener Schuh offen ist.“

Nach zehn Minuten konnte den Sultan niemand mehr ernst bleiben.

Der Sultan schaute verwirrt in die Runde. „Was ist denn so lustig?“

Alle Damen zeigten auf seinen Schuh.

Er blickte nach unten, sah die offene Schnürung und begann selbst zu lachen.

„Gut“, sagte er. „Vielleicht brauche ich wirklich jemanden, der auf mich aufpasst.“

„Das machen wir gerne“, sangen die Damen gleichklingend mit lieblichen Stimmen.

Von diesem Tag an wurde der Harem zum berühmtesten Ort im ganzen Land. Nicht wegen Reichtum oder Luxus, sondern weil dort jeder willkommen war und niemand Angst hatte, über sich selbst zu lachen.

Der Sultan lernte schließlich eine wichtige Lektion: Ein Palast ohne Freude ist nur ein großes Haus. Aber ein Palast voller Lachen ist ein Zuhause.


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